Svanetien

Im Halbschlaf sitze ich in einem halbleeren Sammeltaxi, im Hintergrund unterhalten sich die Fahrgäste mit dem Fahrer, die holprige Straße wiegt mich gemächlich ein und ich schaue mit einem halben Auge aus dem Fenster auf die Berggipfel und die winzigen Dächer der Häuser. Moment, warum winzige Dächer? Ich wache auf, sehe das Sammeltaxi, doch am Steuer sitzt ein Pilot und es ist gar kein Autofenster, sondern ein Flugzeug-Bullauge. Ich beuge mich näher heran: Wir sind auf 2 km Höhe – genau auf Augenhöhe mit den schneebedeckten Berggipfeln. Die Felder unten wirken wie ein buntes Schachbrett. Man kann sogar eine Kuhherde erkennen – ein absolut überwältigender Anblick.

Ich fliege mit einem Kleinflugzeug, 19 Sitze, von Tiflis nach Svanetien, Flugzeit 50 Minuten. Mein Rucksack liegt ganz vorne in der verfluchten Flugzeugnase; ich hatte schon Sorge, dass meine 20 kg statt der erlaubten 15 kg ein Ungleichgewicht verursachen oder sich ein Gurt im Propeller verfängt.

Beim Landeanflug eröffnet sich eine der beeindruckendsten und authentischsten Aussichten, die ich je gesehen habe. Der Berg Uschba, eine Schlucht, ein Gebirgsfluss, eine uralte Ortschaft mit Steindächern und Wehrtürmen. Wie eine Zeitreise direkt ins Mittelalter.

Fluggesellschaft: Vanilla Sky, Website: vanilla-sky.ge, Ticket ca. 2 500 RUB, kostenloser Transfer der Airline vom Zentrum von Tiflis zum Flughafen Natachtari. Fliegt 2-mal pro Woche. Erlaubtes Freigepäck: 15 kg; ich hatte fast 20 kg, aber der Rucksack ging ohne genauen Blick durch die Waage. Gaskartuschen dürfen nicht transportiert werden.

Mestia ist der größte und am besten erschlossene Touristenort in Svanetien. Svanetien wiederum ist die schönste Region Georgiens. Ich empfehle ausdrücklich, genau hierher zu reisen und so viel Zeit wie möglich für Svanetien einzuplanen. Es gibt zahlreiche Optionen für Tages- und Mehrtageswanderungen mit leichtem bis mittlerem Schwierigkeitsgrad. Die Vielzahl an Gletschern und die üppige Natur haben mich tief beeindruckt.

Auf dem Hauptplatz von Mestia befindet sich die Touristeninformation. Das Personal spricht Russisch und Englisch. Hier erhält man alle wichtigen Auskünfte zur Wanderung, zum Wetter, zu Wasserquellen sowie eine kostenlose Wanderkarte mit Höhenprofilen und Zeitangaben.

Die Natur ist äußerst zugänglich – wahrscheinlich einer der einladendsten Orte, an denen ich je war. Es gibt unzählige Trinkwasserbäche, manche schmecken wie Bordschomi-Mineralwasser und wirken fast kohlensäurehaltig. Die Pfade sind gut ausgetreten und führen durch Schluchten, vorbei an alten Dörfern, Wiesen und Waldabschnitten, gelegentlich hinauf zu Gebirgspässen. Totholz gibt es reichlich, ein Lagerfeuer zu machen ist kein Problem. Ich ziehe es jedoch vor, mit Gaskocher unterwegs zu sein und Feuer nur aus Stimmungsgründen an bereits vorhandenen Feuerstellen zu entfachen.

Einen der stärksten Eindrücke hinterließen die Tiere. In Georgien gibt es keine klassischen Koppeln; alles ist kompakt und die Tiere bewegen sich völlig frei. Daher begegnet man Kühen, Kälbern, Pferden, Schweinen und Hunden an den unerwartetsten Orten. Sie kommen zutraulich näher, um sich streicheln zu lassen – das vermittelt ein starkes Gefühl von Naturverbundenheit, fast wie in einem Streichelzoo.

Auf der Route trifft man nur wenige Menschen. Ende August, Anfang September begegnete ich tagsüber höchstens 5 Personen, aber was für welchen… mit einigen habe ich mich richtig angefreundet. Hauptsächlich Reisende aus Russland, der Ukraine, Belarus und Israel. Die Einheimischen sind extrem freundlich und gastfreundlich. Oft wurde ich eingeladen; einmal nahm ich die Einladung an – es gab Kalbfleisch und reichlich Wein, sodass ich später leicht beschwipst kaum meinen Rucksack tragen konnte))). Ich reiste etwa 6 Wochen lang allein per Anhalter durch Georgien und zeltete nahe Dörfern, Straßen, Tankstellen, an der Küste und sogar mitten in Batumi – nur in Tiflis schlug ich kein Zelt auf. Es herrschte stets ein Gefühl absoluter Sicherheit: Gegen Ende der Reise zeltete ich völlig entspannt in einem Park und wusste, dass nachts niemand stören oder Aggression zeigen würde. Selbst um meine Ausrüstung sorgte ich mich weniger als sonst. Ein großes Lob an die Polizeireform: Beamte sind überall präsent, selbst in kleinsten Dörfern, bestens ausgerüstet und sehr hilfsbereit. Mehrmals wurde ich gefragt, ob alles in Ordnung sei, oder man nahm mich mit bzw. half beim Trampen.

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Es gibt viele Gästehäuser und Campground-Stellplätze für Zelte in den Hinterhöfen, meist mit Dusche und WLAN; auch Hostels sind vorhanden, Preise ab ca. 600 RUB pro Nacht/Person. Mit dem Zelt kann man theoretisch direkt im Stadtpark übernachten, dort ist es jedoch laut und belebt. Alternativ empfiehlt es sich, zum Fluss hinabzusteigen oder ein Stück aus dem Ort hinauszugehen.

Durch Zufall lernte ich einen sehr herzlichen Einheimischen kennen; er zeigte mir einen Wehrturm, wir kletterten sogar aufs Dach. Später übernachtete ich bei ihm in einem Wirtschaftsgebäude aus dem 5. Jahrhundert auf frischem Heu. Adresse: Teo Guesthouse and Camping in Mestia.

Svanetien ist der ideale Ort, um die Bergwelt zum ersten Mal zu erleben! Unkompliziertes Wandern, sehr einladende Natur, herzliche Menschen, leichte 1- bis 3-tägige Routen – oder einfach mit dem Zelt die großartigen Ausblicke genießen, während die Zivilisation dennoch in Reichweite bleibt.